Einen Tag nach der Buchmesse, bin ich krank. Die Schniefnase und das Halskratzen haben auch Vorteile: Ich muss nicht raus in dieses Sauwetter und kann die letzten aufregenden Buchmessetage revue passieren lassen – bei einem Kaffee von Meinl mit Schuss.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel hat mich seit der Kindheit magisch angezogen. Damals redete man nicht offen davon, was sich dort abspielte. Mein Vater arbeitete bei Radio Diehl, Kaiserstraße 5, das ist am Roßmarkt, aber das wussten viele nicht so genau. Mein Opa auch nicht – und so lief er mit mir vom Hauptbahnhof geradewegs durch’s Bahnhofsviertel und traute sich nicht, mich anzuschauen. Er zog mich an der Hand immer weiter, in der Hoffnung, dass ich nicht allzu viel von den bunten Bildern und eindeutigen Angeboten mitbekommen würde. Ich war fünf.

Gestern führte mich ein Dokumentarfilm mit anschließender Podiumsdiskussion im Naxos-Kino an den Merianplatz und in die Kantstraße. Kurzentschlossen lenkte ich meine Schritte ins Café Kante. Hier kleben noch Zettel für Hatha Yoga im Fenster, wie früher in den 80ern, als es in den Yogastudios noch nach Räucherstäbchen duftete. Drinnen ist es angenehm unaufgeregt. Ich beziehe einen kleinen Tisch an der Wand, in Sichtweite der Espressomaschine und schaue mich um. Hier sieht man altmodische Dinge: Eine Frau mit weißem Kragen. Sie hat ein Buch gekauft und ritzt mit dem Fingernagel ungeduldig die Versiegelung auf. Es ist der neue Brunetti-Krimi aus dem Diogenes-Verlag. Wie gerne würde ich ihn für eine Stunde ausleihen, um noch ein wenig in meiner Venedig-Fatamorgana der letzten Reise zu schwelgen. 

Der Himmel hängt wolkenschwer wie das Gemüt – so denke ich in diesen letzten Märztagen. Ein Termin verschlug mich auf die andere Seite des Flusses und zwar in die Neuen Kräme. Wie schön wieder einmal hier zu sein, wo ich als Zwanzigjährige meine Mittagspausen verbrachte, dachte ich mir. Ich ließ mich ein wenig treiben und ging über den Liebfrauenberg fast automatisch auf die Kleinmarkthalle zu. Die kam mir bei leichtem Nieselregen gerade recht. Drinnen kann man das Draußen getrost für zwei Stunden vergessen und sich hineinträumen in bunte Märkte aller Länder:

Der Himmel so blau, dass die Mittagspause heute für einen kleinen Spaziergang durch die winterliche Stadt genutzt werden muss. Ich laufe durch das Offenbacher Westend und dann führt mein Rückweg am Café „Mein Lieblingsplatz” vorbei, wo ich mich mit einem doppelten Espresso von Kaffee Wacker aufmuntere.