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Eine Liebeserklärung an die Cafés als soziale Plattformen

Welche Rolle spielen Cafés für den sozialen Austausch und die Inspiration neuer Ideen? Als Autorin, Journalistin und Texterin gehe ich einer sehr stillen Beschäftigung nach. Wenn ich nicht gerade persönliche Interviews führe oder leibhaftig recherchiere. Ich sitze allein an meinem Schreibtisch, immer im Homeoffice – forever. Das ist für mich keine ungewohnte Situation, ich brauche das und ich mag das. Ungewohnt ist es für mich, dass ich diese Situation nun kaum unterbrechen kann. Sicher, ich kann spazieren gehen, wieder allein mit mir selbst und meinen Gedanken. Diese sitzen dann fest im Kopf, bilden vielleicht eine Blockade. Als Texterin brauche ich Cafés zur Inspiration.


Ich betrete das Lokal, das meist ein Stammcafé ist, werde von der Betreiberin freundlich begrüßt und wechsele ein paar Worte. Manchmal sind es die ersten menschlichen Worte, die ich an einem Tag höre. Man lächelt sich zu, fragt, wie es geht und dabei geht es einem selbst gleich besser. Man wird aus seinen Gedanken gerissen – und das ist Sinn und Zweck. Ich setze mich und bekomme einen Espresso, den ich mir natürlich auch im Homeoffice machen kann, aber hier ist es anders.

Gedanken durchschütteln


Wenn ich mich nach dem Aufstehen an einen kniffeligen Text setze und mehrere Stunden konzentriert daran arbeite, gehe ich gegen Mittag gern auf einen Espresso ins Café - um die Gedanken ein bisschen durchzuschütteln. So wie man einen guten Cocktail schüttelt, um die Inhaltsstoffe zu einer raffinierten Mixtur zusammenzubringen. Wenn ich einen Text über ein neues Offenbacher Unternehmen, über ein spannendes zeitgenössisches Kunstwerk, über feine Schokoladenkreationen, über Effizienz in der Produktion oder über SEO-Optimierung geschrieben habe, ist das durchaus hilfreich. Dann mache ich einen Spaziergang ins nächste Café. Schon beim Gehen weitet sich der Blick, dann das Gehör und schließlich alle Sinne.

Kaffee inspiriert


Dieser Frischgebrühte ist wie eine kleine Belohnung. Manchmal lege ich noch einen obendrauf und bestelle dazu ein Mandelgebäck oder ein Stück Kuchen (bei sehr trockenen Texten). Wenn ich da so sitze, kommt Johann herein oder Katharina, die auch häufig im stillen Kämmerlein schreiben. Manchmal kommt auch der Leiter eines städtischen Museums herein und vielleicht eine Kundin. Wir begrüßen uns, freuen uns und tauschen uns aus: „Haben Sie schon gehört, dass wir…“ oder „Weißt Du eigentlich, dass der Sowieso…und schon ist man wieder auf dem neuesten Stand. Denn ein Café ist die beste soziale Plattform – zu der man nicht einmal ein Passwort benötigt.


Oft hole ich auch mein Notizbuch heraus und schreibe ein paar Gedanken auf. Das sind meist andere Dinge, die nichts mit den Businesstexten zu tun haben. Manchmal ist es ein Gedicht oder der Anfang einer Kurzgeschichte oder eines Artikels, den ich später irgendwann gern schreiben möchte. Das entspannt mich, bringt Schwung in die Hirnwindungen.

Viele Texte entstehen im Café


Viele meiner Erzählungen auch zu dem neuen Buch „Porträts einer Frau“ (erschienen 2020 im Salsa-Verlag, Göttingen) sind im Café entstanden oder dort inspiriert worden. Es gäbe sie gar nicht, wenn die Kaffeehäuser immer zugesperrt wären. Ich hätte auch viele wichtige Menschen in meinem Leben gar nicht kennengelernt, wie zum Beispiel Johann oder Katharina oder Gisela – mit denen seinerzeit die Idee der „Literatur zur Werkzeit“ (erschienen 2014 in der Edition Berthold) entstand. Die Lesungen fanden damals zur Mittagszeit in Cafés, Läden und Restaurants statt. Sie holten die Menschen für eine Stunde aus ihrem Alltag.

Analoge soziale Plattform


Nun werden vielleicht Einige argumentieren, dass es doch nicht so schlimm sei, wenn die Cafés zu sind. Dazu kann ich nur sagen, es geht vielen Schreibenden und überhaupt Kreativen so wie mir. Es wären eine Menge Bücher nicht entstanden, wenn es keine Cafés gäbe. Auch viele andere Projekte wären nicht umgesetzt worden, viele Bilder nicht gemalt, viele Filme nicht gedreht. Aber auch viele Geschäfte wären nicht getätigt worden. Denn oft ist ein Treffen in einem Café die Initialzündung für eine Kooperation oder einen neuen Auftrag. Das Café ist auf jeden Fall ein Inspirationsmotor und manchmal sogar ein Innovationsmotor.


Für diese analoge soziale Plattform, die Cafés bieten, möchte ich allen Betreiber*innen auf der ganzen Welt hier einmal danken. Bitte haltet durch. Die Menschen brauchen Kaffeehäuser und den persönlichen Austausch mit anderen Menschen. In Wien hat man zum Jahresanfang einige Traditionshäuser für Schüler geöffnet, wo sie mit Abstand lernen können. Wenigstens etwas! https://www.rnd.de/familie/wiener-cafes-offnen-fur-schuler-traditionshauser-bieten-raumlichkeiten-zum-lernen-und-studieren-an-F5IXG5Y2K2G6KJX4NFZRSHWJCY.html

Heute führte mich ein Treffen mit der Grafik Designerin Lisa Beck in die Darmstädter Landwehrstraße und die alte Motorenfabrik, die hier angesiedelt war. Ich lief von der Straßenbahnhaltestelle ein Stück die Kirschenallee entlang, an den Backsteinwänden der Evonik vorbei, die früher mal Röhm hieß. Wo Schienen im Pflaster verwittern, geht es weiter in Richtung eines imposanten Gebäudes mit großen Werkshallen dahinter. Dort, wo von 1902 bis 1960 Dieselmotoren für Lokomotiven und Traktoren hergestellt wurden, ist nachdem die Firma Schenck es abgegeben hat, ein spannendes Areal für kreative Unternehmungen entstanden.

Ich traf mich mit Lisa im Büro des Raum 103, einem Studio für professionelle Postproduktion, das in beeindruckend hohen Räumen mit viel Industriecharme logiert. Die Mitarbeiter begrüßten mich freundlich bis neugierig. Denn Lisa und ich haben ein neues Projekt im Kopf. Mit einem Kaffee setzten wir uns an einem kleinen Plätzchen mit schmucken Betonmöbeln in die Sonne. Wir möchten eine Buch-Idee angehen. Wenn manche nun denken, Print hat doch einen ellenlangen Bart, stimmt das einerseits. Anderseits muss das kein Nachteil sein. Denn schon Herr Goethe wusste: „Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“ Das Zitat ist natürlich wie so viele, die geflügelte Worte geworden sind, aus dem „Faust“. Stimmt aber immer noch.

Denn gegen die Haptik einer Drucksache oder gar eines Buches kommt so schnell nichts an. Irgendwie erregt Gedrucktes mehr Aufmerksamkeit, heftet sich besser ins Gedächtnis als Digitales – und man kann ein Buch oder eine Broschüre unkompliziert einstecken und mitnehmen. Einfach aufklappen und schon ist der Inhalt verfügbar, ganz ohne Netz und WLAN-Passwort. Selbstverständlich ist ein Buch ohne digitale Verknüpfungen heute auch nur noch eine halbe Sache. Die Möglichkeiten einer solchen Verknüpfung sind vielseitig. Ein wichtiges Medium ist beispielsweise der QR-Code, der mit einem mobilen Gerät vom Printprodukt abgescannt werden kann und dann automatisch auf die entsprechende Internetseite weiterleitet. Digital sind dann Produktvideos oder Buchtrailer, 360° Ansichten, Fotos und Karten verfügbar, die dem Leser und Konsumenten eine neue Erlebnisdimension eröffnen und weiterführende Informationen liefern können.

Es geht bei dem neuen Projekt in erster Linie um ein Printprodukt, das neugierig auf Orte machen soll. Und nun müssen erstmal ein Probetext mit Gestaltung erstellt, Kosten kalkuliert und Sponsoren gefunden werden. Aber wir gehen mit Engagement und Freude an die Arbeit – und ich bin dadurch einmal wieder auf einen neuen spannenden Ort gestoßen, den es zu entdecken gilt.

Über Mittag habe ich bereits damit angefangen und bin das Gelände abgelaufen, wo es eine Eventlocation, verschiedene Büros und Künstlerateliers gibt. Zum Beispiel logiert hier der Metallbildhauer Georg-Friedrich Wolf der riesige rostige Puzzleteile aneinanderreiht, die sich im urbanen Umfeld gut machen. Mir gefällt an solchen Teilen besonders die Oberfläche, die sich durch Witterung verändert und lebendig ist. Es scheint so, als ob sich die Natur auch die Mineralien zurückerobert, bis irgendwann alles wieder zu Erde wird. Ebenfalls entdeckt habe ich das Atelier der Darmstädter Malerin Ulrike Rothamel, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert hat, und die ich einmal besuchen möchte.

Als ich Hunger verspürte, besuchte ich die Bruno’s Pizzeria, und stärkte mich mit einer kalabresischen Variante, die mit scharfer Salami, Rucola und Büffelmozzarella belegt war, wirklich sehr lecker.

Den Nachmittag verbrachte ich dann schreibend an einem langen Holztisch im Boulderhaus, einer Kletterhalle mit angeschlossenem Bistro. Hier fügen sich sechziger Jahre Möbel bestens in die luftige Industriehalle und es sind immer genügend Leute um einen herum, um sich beim Schreiben nicht einsam zu fühlen. Allerdings kam ich mir beim Sitzen grässlich untrainiert vor gegen die jungen Kletterer, die sich hier an den Wänden probierten. Ob ich das auch mal versuchen sollte? Vielleicht beim nächsten Mal, wenn das Printprodukt ein paar Fortschritte gemacht hat. Wenn’s nicht klappt kann ich dort immer noch Yoga machen.

Der erste Herbststurm mit viel Wind und Regen erwischte mich, als ich den Eingang des Convention Center der Messe Offenbach suchte – der liegt nämlich etwas versteckt zwischen Capitol und Messe im Hinterhof. Als ich die Tür erreichte, war ich frisch geduscht – zum zweiten Mal an diesem Tag. Ich trage selten Funktionskleidung und schon gar nicht, wenn ich zu einem Konzert oder einem Live-Hörspiel gehe – und das war der Anlass: Das Live-Hörspiel EX nach dem Roman von David Ambrose und der Komposition von Patrik Bishay. Alle Damen, die es erwischt hatte, fanden sich kurz nach der Ankunft in der Toilette wieder, um sich notdürftig mit Papierhandtüchern ein wenig zu trocknen. Den Wet-Look, den mein Haar aufwies, werde ich so nie mehr hinbekommen. Mein leichter Wollmantel war so nass geworden, dass er ausgebreitet auf den Boden hingelegt werden musste, denn eine Garderobe mit Kleiderbügeln etc. gab es leider nicht.

Überhaupt hätte man diesem musikalischen Wortereignis einen etwas festlicheren Rahmen gewünscht, denn das Convention Center der Messe ist doch sehr nüchtern, zudem stand noch der Laufsteg von der ILM und die Beleuchtung war nicht optimal. Nun gut, alle setzten sich und warteten noch ein Weilchen, bis weitere vom Unwetter überraschte Besucher eingetroffen waren. Meine Füße waren sehr nass, mein Kleid in unteren Teilen auch – und wenn ich nicht gewusst hätte, dass mich bei Patrick Bishay immer ein spannender und toll komponierter Musikgenuss erwartete, weiß ich nicht, ob ich geblieben wäre. Aber ich blieb und sollte es nicht bereuen. Ralph Philipp Ziegler, der mit dem Live-Hörspiel eine neue Reihe startet, hatte es vorausgesagt.

Denn schon als der britische Autor David Ambrose die Fragen von Patrik Bishay beantwortete – und klar wurde, dass er neben seinen spannenden Thrillern, die ich leider nicht kenne, auch noch sehr bekannte Drehbücher und Teile von Star Trek geschrieben hat, versprach der Abend spannend zu werden. Patrik Bishay erzählte, dass er den Roman zum ersten Mal als Jugendlicher in Paris gelesen hätte – und deshalb von der Stadt damals nichts gesehen hätte. Das Buch hat ihn seither begleitet und er wollte mit dem Stoff immer etwas machen, vielleicht eine Oper, aber er konnte damals keinen Kontakt zu David Ambrose finden. Um so schöner, dass der Autor an dem Abend der Uraufführung in Offenbach sein konnte.

Diese war dann tatsächlich vom ersten Satz an der allesamt hervorragenden SprecherInnen sehr spannend – man kann sagen, die Zuhörer hielten den Atem an, um nur alles mitzubekommen. Zusätzlich zu Musikern des Capitol Symphonie Orchesters und den sieben Sprechern, untermalte eine interessante Filmcollage, die einzelne Personen und Orte oder Gegenstände der Handlung einspielte, das Geschehen. Dabei wurde der sogenannte Bleach-Bypass-Effekt verwendet, bei dem der Vorgang des Bleichens bei der Farbfilmentwicklung teilweise oder komplett ausgelassen wird. Wer den Kinohit „Seven“ damals gesehen hat, weiß um die Wirkung. Da werden symbolhaft Namen und Dinge eingeblendet, in einer Art Superacht-Manier, die durch leichtes Verwackeln und andere Effekte, das Unheimliche der Handlung, die sich mit Phänomenen des Übernatürlichen befasst, unterstreichen.

Die Geschichte geht so: An der Manhattan University plant eine Gruppe um den Psychologen Sam Towne ein spektakuläres Experiment. Um zu beweisen, dass es sich bei Geistererscheinungen nicht um jenseitige Wesen, sondern um Halluzinationen der sie erlebenden Menschen handelt, bereitet das Team die Erschaffung eines Geists vor. Journalistin Joanna Cross hat zuvor bereits einen Kreis von Spiritisten aufgedeckt und wird deshalb von Ellie Ray mit einem fürchterlichen Fluch belegt. Damit beginnt Joannas Misere: Das Experiment gelingt in der Tat, doch sind die Auswirkungen für die Teilnehmergruppe alles andere als erfreulich, denn der erschaffene Geist „Adam Wyatt“ zeigt so gar keine Bereitschaft, das Experiment enden zu lassen. Viel lieber möchte er, dass seine Erschaffer die   Realität verlassen. Realität und Illusion, Materie und Geist beginnen sich zu durchdringen.

Den Hörspieltext hat Patrik Bishay in zweijähriger Arbeit von der ersten bis zur letzten Minute durchkomponiert, so dass eine sehr dichte Atmosphäre entsteht und die Zuhörer das Gefühl haben, Teil der Handlung zu werden. Man wird buchstäblich gepackt von den Ereignissen und fiebert mit Joanna und Sam, die ein Liebespaar werden, dem Ende entgegen. Auch die Pause konnte diese Spannung aus Stimmen, Instrumenten und Bildern kaum unterbrechen. Besonders viel hatten die Streicher zu tun, die immer wieder den Spannungsbogen musikalisch aufbauten. Aber auch Flöte, Oboe und Hörner sowie das Cello waren unermüdlich im Einsatz und verschafften den Zuhörern Gänsehaut.

Die Inszenierung des packenden Mystery-Thrillers ist der Beginn der neuen Hörspiel-Reihe des Amts für Kultur- und Sportmanagement der Stadt Offenbach. Das nächste Spektakel dieser Art soll in der Alten Schlosserei stattfinden. Wer eine schaurig-schöne Ahnung von Patrik Bishays Musik bekommen möchte, geht am besten in das Konzert HalloWeeihnacht der Capitol Classic Lounge. Da wird in verschiedenen Musikstücken die Schattenseite des Festes nährgebracht und Patrik Bishay glänzt mit einer Vertonung von Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Die Rhein-Main-Vokalisten untermalen mit dem Orchester stimmlich. Dirigieren wird Steven Lloyd Gonzales.

Neulich im Mai hatte ich so einen Tag in Frankfurt mit vielen Terminen und zwischendurch einer Stunde Atempause. Die verbrachte ich im Plank, weil ich zwischen Bockenheim und Sachsenhausen hin- und hermusste. Das Plank Münchener/Ecke Elbestraße im Bahnhofsviertel gelegen, ist tagsüber nämlich ein sehr nettes Café. Es bietet Ruhe, W-LAN und die besten portugiesischen Törtchen, die man sich vorstellen kann.

Eigentlich hatte ich andere Themen zu bewältigen, aber ich hatte auch eine Entscheidung zu treffen. Nämlich, ob ich mit meinem Büro umziehen sollte, in ein anderes Domizil. Denn mein Untermieter hatte mir gekündigt und es tat sich an anderer Stelle eine tolle Möglichkeit auf. In einem hübschen hellen Ziegelsteinbau, ruhig gelegen und doch voll im Leben, war eine Etage frei geworden. In der Eisfabrik – die einige vielleicht von den Kunstansichten her kennen, von hochkarätigen Fotoausstellungen rund um René Spalek. Die Alternative wäre gewesen, mich zuhause mit meinem Schreibtisch einzurichten. Aber irgendwie wollte er da nicht so recht reinpassen, weder gedanklich noch nach Maß.

Ich setzte mich also bei verheißungsvollem Blau ins Plank und schrieb Vor- und Nachteile auf. Dann telefonierte ich mit einer wichtigen mir zugetanen Person. Die sagte einen entscheidenden Satz: Ich glaube, dass dieser Umzug Dich größer macht, in Deiner Kreativität. Damit war doch eigentlich alles gesagt. Der Schreibtisch in der Wohnung würde meine Kreativität bestimmt nicht größer machen.

Außerdem war es mein erster Impuls, als ich die Anzeige auf Facebook gelesen hatte: Dort mein Glück zu versuchen, denn so etwas hatte mir immer vorgeschwebt. Inzwischen ist der Vertrag unterschrieben und erste Messungen sind erfolgt. Ab August gibt es frische Worte aus der Eisfabrik.

Und was für ein wunderbarer Nebenumstand: In der Eisfabrik wurde Speiseeis fabriziert. Italienisches. Von der Firma Rudella. Romollo Delaidotti war einer der ersten italienischen Einwanderer in Offenbach. Im Café seines Bruders, dem Delaidotti, war ich als Kind noch gewesen und dort wurde meiner Tante ein wertvoller Kamelhaarmantel vertauscht – aber das ist eine andere Geschichte.

Aber wie bist du denn dann auf Wien gekommen?, fragen sie weiter. Tja, mein Buch „Eine ungeplante Reise nach Wien“ ist ein Roman – und da ist vieles möglich. Viele Leser scheinen sich zu fragen, wie Fiktion entsteht. Die macht der Kopf beim Schreiben.

Wie die meisten Autoren habe in meinem Roman autobiografische Details verwendet, denn die kennt man besonders gut, kann daraus anschauliche Bilder entstehen lassen. So gibt es Erinnerungssplitter, die in meinen Schreibfluss kamen, wie beispielsweise das Aussehen meiner Großmutter und ihre Heirat mit einem Pelzfabrikanten, denn dies waren die Mitglieder der Familie Erler und deren Partner in Leipzig. Auch vom Lebenswandel meiner Großmutter, die eine kleine Femme Fatale war, ist einiges eingeflossen – und zwar, weil sie meine Fantasie schon in Kindheitszeiten angeregt und mich inspiriert hat. Meine Großmutter hatte das Zeug zur Romanheldin – das war mir schon früh klar, wenn ich in ihrem Schlafzimmer an den Parfümfläschchen schnupperte (allesamt bekannte Düfte, wie ich erst später lernte) oder ihren Kleiderschrank durchkämmte und mir den Ozelot-Hut aufsetzte (leider weiß ich nicht, wo er geblieben ist). Und sie war 1912 geboren, kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

In der Zwischenkriegszeit und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war sie eine junge Frau mit allen Widersprüchen der Zeit in sich drin. Sie heiratete mit 26 eben jenen Pelzhändler – und erzählte mir später, wie sie sich ihn „geangelt“ hatte. Das war nicht der herkömmliche Ton einer Großmutter, soviel war klar – sie war eine illustre und sehr selbständige Frau, die ich bewunderte. Vielleicht hat sie mit ihren Geschichten sogar meinen Erzähltrieb geweckt.

Ihr Mann, mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe, war eine Art Aussteiger und wollte dem Pelzhandel abschwören. Dazu gingen die beiden ins Kleinwalsertal nach Hirschegg, wo sich die Fuchsfarm der Firma befand. Ein Glück für meine Großmutter, die dort oben auf dem Berg wenig mitbekam von Kriegswirren und Gräueltaten.

Meine Mutter allerdings wurde in Österreich geboren – und so kam irgendwann Wien ins Spiel, weil das ihre Lieblingsstadt war.

Auch als sie schon in Offenbach am Main wohnte und mit meinem Vater verheiratet war, konnte sie am Telefon, wenn Verwandte anriefen, leicht in den Walser-Dialekt wechseln. Diese süddeutsche Färbung des Deutschen war mir seit Kindertagen vertraut. Meine Mutter hatte also eine Bindung zu Österreich und meine beiden Eltern machten es sich zur Gewohnheit, einmal im Jahr nach Wien zu reisen. So bekam ich von dort allerhand mit – besonders auch die Musik, die mein Vater auf CDs mitbrachte. Ich selbst bin erst relativ spät über die Recherchen zu meiner Magisterarbeit, die sich mit den Autobiografien deutscher Exilschriftstellerinnen befasste zu Recherchen immer wieder nach Wien gekommen.

Aber Wien hat es mir natürlich gleich angetan, mit seinen Kaffeehäusern und seiner Wertschätzung der Musik und überhaupt der Künste. Aber auch seine Ambivalenz: Die prächtigen Straßen und die kleinen vernachlässigten Gassen. Die Stadt tanzt überschwänglich Wiener Walzer und melancholisch die langsame Version davon. Und schließlich, es ist eine Stadt voller Geschichte und Geschichten – der Stadt Leipzig gar nicht so unähnlich fand ich, als ich Anfang der Neunziger Jahre zum ersten Mal in der Nikolaistraße war und auch das Haus meiner Großmutter zum ersten Mal sah.

Viele dieser Aspekte sind in meinen Roman eingeflossen und haben sich zu einer ganz eignen Geschichte entwickelt.

Ich habe mich sehr gefreut, das erste Mal in Leipzig zu lesen, auf der Messe, am Stand des Größenwahn Verlags und abends im schönen Café Puschkin, wo echt die Hütte voll war, so das keiner mehr rein und raus konnte. Besonders bedanken möchte ich mich auch bei meinen Mitleserinnen vom Konkursbuchverlag. Die Texte waren alle super! Und super vorgetragen!

Das alles hat große Lust gemacht, weiterzuschreiben an der Wiener Geschichte von Judith und Leo…Ich bin gespannt, was noch passiert.

Als ich Mitte Februar in Wien war, bin ich auch nochmal über den Naschmarkt geschlendert. Die goldene Blütenkuppel der Seccession und der Markt selber sind bei schönem Wetter einfach ein Muss. Ich war zunächst ein wenig verwirrt, weil ich den Würstelstand der Rosi vom Naschmarkt nicht gefunden habe – und auch ein wenig betrübt – weil er vielleicht nicht mehr „In“ ist. Aber auf so Allerweltsgerichte wie Gnocchi mit Gorgonzola oder Karottensüppchen mit Ingwer hatte ich keine Lust. Ich wollte meine fettigen Käsekrainer, die bei Kälte ein durchaus nahrhaftes Mittagessen sein können.

Wenn es schon die Käsekrainer nirgends gab, wollte ich wenigstens das sonnigste Plätzchen und so setzte ich mich an einen Zweiertisch, bestellte mir einen Weißgespritzten und Börekröllchen – sind halt vegetarische Käsekrainer, dachte ich mir. An meinem Wein nippend lauschte ich ein paar Bobos, die am Tisch neben mir Platz genommen hatten und durch ihre großen Sonnenbrillen blinzelten. Sie bekamen ebenfalls große Gläser mit Apérol Spritz und weideten sich am Anblick des trendigen Getränks, zücken ihre iPhones und wollten gern posten, damit ihre Freunde neidisch auf ihr Leben blicken sollten. Aber sie waren nur in der Mittagspause – und der Chef nicht. Das wäre nicht gut für die Karriere gewesen – also lieber das Selfie verkneifen. Schad‘ drum!

Ich aß derweilen genüsslich meine Börekröllchen und bewunderte eine hübsche arabisch aussehende Kellnerin mit Lockenhaar und Wiener Schnauze oder sagt man hier Schnaberl? Wenig später stand ich auf und ging meiner Wege Richtung Schleifmühlgasse, die eine meiner Lieblingsgassen ist, wegen der schönen Lädchen. Im Vorbeigehen kaufte ich bei einem traditionellen Gewürzstand eine wunderbare Gewürzmischung mit Namen „Marrakech“ und bog bald darauf in die Schleifmühlgasse ein. Wie schon beim letzten Mal lockte mich die schöne Auslage des Konzeptlädchens aus Küchenaccesoirs und Büchern. Ich ging hinein und kaufte ein wunderschönes kleines Büchlein über Rote Rüben aus dem Mandelbaum Verlag, den ich im letzten Jahr auf der Buchmesse kennengelernt hatte. Als ich dem Verleger mein Buch gezeigt hatte, rief er aus: Und genau in dem Haus auf ihrem Cover sitzen wir! Mit der einen Betreiberin des Ladens Mimi Mandl in der Schleifmühlgasse sprach ich und schlug ihr vor, bei ihr (im Planet Buch) meine nächste Lesung aus meinem Roman „Eine ungeplante Reise nach Wien“ zu veranstalten. Ein schöner Sessel steht dort schon bereit.

Weiter lenkte ich meine Schritte an einem wirklich tollen Vintage-Laden vorbei. Mein Traum ist es, mir bei Flo Vintage einmal ein Originalkleid aus den Zwanzigern zu kaufen. Das wird wahrscheinlich eine Anschaffung sein. Ich ging diesmal nicht in den Laden hinein, weil zu gefährlich. Das letzte Mal habe ich dort ohne feste Absichten eine sehr originelle Halskette gekauft, die ich bei der Premierenlesung im Wiener Bücherschmaus ausführte.

Nicht vorbeigehen konnte ich an einem ganz besonderen Café, mit Namen Vollpension. Der Name ist Programm, denn es wird betrieben von Damen und Herren im Ruhestand. Sie backen dort erstklassige Mehlspeisen nach altem Rezept in innovativen Öfen, die neonfarben von der Decke hängen – und verdienen sich so ein Zubrot. Die Kuchen und Torten kommen ganz frisch auf die Tische, die allesamt vom Flohmarkt zu stammen scheinen. Insgesamt ist das Mobiliar völlig bunt zusammengewürfelt – und vom Gobelin mit röhrendem Hirschen bis zum Nierentisch findet sich hier alles, was sonst niemand mehr haben will. In der Mischung ist es jedoch grandios gemütlich. Es herrscht Selbstservice, aber dafür gibt’s auch freies W-LAN, weshalb die Vollpension auch sehr schön als Schreib-Café dienen kann. Ich aß eine frischen Apfelstrudel und zog dann weiter meines Weges.

Noch ein wenig weiter wollte ich in dieses Viertel vordringen, Richtung Margaretenstraße und Operngasse, die ich bei meinem letzten Besuch nur mit einem Blick gestreift hatte, die mir aber beide interessant schienen. Die Sonne spielte in Glasscheiben und der blaue Himmel krönte diese Ecke, die eher zu den unscheinbaren Ecken Wiens zählt. Die typische Jahrhundertwende-Bebauung ist hier durchmischt mit Häusern aus den Sechzigern und viele der kleinen Geschäfte wirken von den Auslagen her ein wenig chaotisch oder, wenn man mit liebendem Auge schaut, kreativ. Ein ebenfalls originelles Kaffeehaus, mit dem Namen „Point of Sale“ lenkte meine Schritte nach links. Leider war mein Kaffeebedarf erstmal gedeckt, also weiter die Operngasse entlang. Eine wirklich originelle Auslage zog mich nach kurzer Zeit wieder in ihren Bann: Das Schaufenster war voller Knäule, die sich beim näheren Hinsehen als stoffummantelte bunte Kabel herausstellten. Eigentlich sah ich einen Wust von bunten Kabeln neben kleinen Lampen mit stilisierten Chinesen darauf, wohl Restbestände aus den Fünfzigern und Lampenschirme jeder Größe. Ich zögerte ein wenig, betätigte dann aber entschlossen die Klinke und trat ein. Der Ladenbesitzer fragte freundlich nach meinem Begehr und erklärte mir dann, dass sie die Kabelummantelung selbst machen, ebenso wie die Lampenschirme. Natürlich musste ich dort 2 Meter wunderbar blaugrünes Kabel kaufen. Zwar gibt es noch keine Lampe dafür, aber die kann ja noch kommen.

Nur wenige Meter weiter musste ich wieder meinen Schritt bremsen, vor einer ganz entzückenden Auslage: Miniaturtörtchen in Eisbechern mit Nüssen darauf, Orangeat oder Rosinen. Ein Schild klärte mich auf, dass es sich hier um einen französischen Teesalon handelte, mit Namen „Süssi“ – vielleicht in Anspielung and die ehemalige Kaiserin. Auch hier musste ich das Innere bestaunen und es war wirklich ganz entzückend: Ein rotplüschiges Interieur, fast in Puppenhausgröße – oder jedenfalls für kleine, zarte Menschen gemacht, kleine Räume, kleine Sesselchen, eine Miniwendeltreppe nach oben. Ich kam aus dem Staunen kaum raus und kaufte dem verdutzten Betreiber zum Trost ein kleines Päckchen Tee ab. Damit endete mein Gang durch das neuerdings hippe Freihausviertel und ich wanderte durch die Faulmanngasse zurück zum Naschmarkt.

Ich sitze in der Galerie Art von Frei in der Brunnenstraße und schaue raus. Mein Blick fällt auf Nr. 10 gegenüber mit der Aufschrift: „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“ und den Hinweis zur U-Bahn-Haltestelle „Rosenthaler Platz“. Rechts daneben ein kleines Leuchtschild mit dem Hinweis „Jewelry“, links daneben ein Chinesenladen mit Tee und allerlei Heilmitteln.

Es gehen Menschen vorbei, die mich nicht sehen. Sie sind beschäftigt mit sich selbst, denken an Dinge, die sie schnell erledigen müssen, obwohl das neue Jahr erst wenige Tage alt ist. Nur ein paar achten auf die Lichter in der Galerie, nur wenige bleiben stehen, um genauer zu sehen, was sich hier mit der Installation von Geet Chorley abspielt. Für mich ist das Licht eine Art Stimmungsbarometer. Es wechselt von Blau über Violett nach Weiß und Türkis zu Gelb und Rot. Das ist wie ein Tag im Zeitraffer oder sogar ein Jahr. Das Licht macht die Wintertage erträglich, macht sie irgendwie zauberhaft, lässt mich irgendwie denken an „die blaue Stunde“, an Henry Miller und seine Beschreibungen von Paris. Er schrieb, dass die Stadt der Liebe vor allem eine graue Stadt sei. Diese Beobachtung kann man ebenfalls in Berlin machen. Berlin ist eine graue Stadt und die Menschen empfinden wohl auch irgendwie grau. Es ist anders als Wien. Wien ist vor allem eine goldene Stadt – und der Glanz ist fast überall zu spüren. In Berlin ist das Ungeschlachte, Unfertige, Unbeachtete überall zu sehen und schon die Vorsilbe „Un-“ sagt ja so einiges aus. Aber Berlin kommt mir seit Jahren vor wie eine Stadt im ständigen Werden und das ist das Spannende daran, die ständige Wandlung. Am Rosenthaler Platz geht die Torstraße ab, eine große mehrspurige Straße, die eine Allee sein könnte oder ein Boulevard, aber dazu ist sie zu unwirtlich, wenngleich nicht uninteressant. Ich habe sie schon Abschnittsweise erkundet, war in einem Café und in einem Vintageladen mit sehr hübschen Taschen und einem charmanten Betreiber, in einem kleinen Laden mit einer japanischen Schneiderin, die aus alten Stoffen von überall aus der Weilt Halstücher macht und Stolen und Mützen und sogar Kleider. Diese Gegend hier links vom Rosenthaler Platz ist noch etwas rau, sie hat das Raue, das hier früher allgegenwärtig war.

Wenn man weiter Richtung Hackesche Höfe läuft, wird die Straße schicker, da sind die Kanten abgeschliffen, die Fassaden neu verputzt, die Graffities getilgt, Rosenthaler heißt sie dann und die Coolness mit Fusion-Restaurants und hippen Boutiquen hat sich breit gemacht. Manche Läden sind auch wirklich originell wie der vietnamesische Burger-Imbiss „Sixtyseven Junkfood“. Die Inneneinrichtung versetzt einen tatsächlich in eine Straße in Saigon, rote Lämpchen verbreiten warmes Licht, von der Decke hängt Wäsche und überall stehen große Gläser mit eingelegten Eiern, Zitronen, Chilis oder Gurken. Es geht dort auch so zu wie in einem vietnamesischen Imbiss, immer viel los, immer laut, immer irgendeine Speise gerade aus. Bei mir waren es die Rollen, die es nicht mehr gab, also aß ich einen Bun Bao Burger mit gebratenem Tofu. Er war ziemlich lecker und dazu leicht, weil aus Reismehl und ohne Fleisch.

Wenn man weitere geradeaus äuft, ist es Richtung Mulackstraße immer noch recht interessant. Modeläden, die zum Stöbern anregen und weitere gastronomische Ziele, meist vietnamesischer und italienischer Provenienz. Das erste mal bin ich hier 1994 rumgelaufen, auf den Spuren von Joseph Roth und mit Seminarleiter Karl Kröhnke, den ich heimlich mit meiner Studienkollegin verfluchte, weil hier so wenig geblieben war von der damaligen Gaunermiljö-Atmosphäre und dem einstigen Auffangbecken für Einwanderer aus dem Osten. Aber das Raue, das war da und stellenweise blitzt das auch noch heute hervor und erzählt Geschichten.

Wer davon mehr spüren möchte, muss sich nördlich halten und die Brunnenstraße zu den niedrigen Nummern hin ablaufen, also links meines Blickes aus dem Galeriefenster, vorbei am ehemaligen Warenhaus Jandorf. Die Bernauer Straße bildete früher die Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Wedding, wo die Mauer verlief. Wer es bis zur Nummer 39 geschafft hat, kommt auch noch weiter, denn hier gibt es französische Patisserie vom Feinsten. Die Betreiberin und Patisserie-Meisterin Anna Plagnes kommt aus dem Elsass und war jahrelang bei Demel in Wien – also ist Berlin doch auch ein bisschen golden.

Einen Tag nach der Buchmesse, bin ich krank. Die Schniefnase und das Halskratzen haben auch Vorteile: Ich muss nicht raus in dieses Sauwetter und kann die letzten aufregenden Buchmessetage revue passieren lassen – bei einem Kaffee von Meinl mit Schuss.

Eins vorweg: Noch nie sind diese Messetage so schnell vergangen wie mit dem eigenen Roman in der Hand. Ich konnte nur hin und herflitzen zwischen den Hallen 3.1 und 4.1 – und dort habe ich auch einige Gänge ausgelassen. Das Laufen an den Verlagen vorbei war allerdings diesmal besonders schön, denn ich musste nicht mit einem Manuskript beklommen nachfragen, sondern konnte etwas zeigen. Meinen Roman, denn ich beim sehr engagierten und umsorgenden Frankfurter Größenwahn Verlag veröffentlicht habe. Daraus ergaben sich viele schöne Gespräche und Erlebnisse. Am Stand des Wiener Mandelbaum Verlags blätterte ich in dem besonderen Reiseführer Jüdisches Wien, wobei der Verlagsleiter natürlich mein Buchcover sofort erkannte: Der Mandelbaum Verlag  sitzt in dem weißen Haus mit dem Runderker. Als ich in dem Führer über den Judenplatz und das Mahnmal für die Opfer der Shoah las – Fotos sah, fiel mir wieder ein, dass ich im Jahr 2000 erstmals in Wien gewesen war, damals auf einer Tag der Gesellschaft für Exilforschung, bei der es sehr viel um die Musik der 20er und 30er Jahre ging. Damals habe ich mich genauer mit dem Schicksal Schriftstellers und Liberettisten Löhner-Beda befasst, der die Texte zu vielen Lehár-Operetten und Schlagern schrieb, die wir heute noch witzig, frech und modern finden.

Das waren die ersten unscheinbaren Keime für meinen Roman. Als ich wieder zuhause war, wusste ich jedenfalls, dass ich mit diesem Thema etwas machen wollte. Als ich dann 2003 eine erste Erzählung geschrieben hatte, meldete ich mich zum Poetikseminar bei Bodo Kirchhoff an – und lernte besonders detailliertes Erzählen, sich zur Decke strecken mit dem Schreiben, eine Figur tatsächlich ausloten.

Meine erste Erzählung schrieb ich immer wieder um, wusste noch nicht recht, was daraus werden sollte. Zwischendurch schrieb ich andere Kurzgeschichten, aber auch eine Erzählung, die sich um Musik und eine Großmutter drehte. Irgendwann zwischen 2004 und 2005 sah ich einen Bericht über das Hotel Orient in Wien. Mich faszinierte, dass die Wiener für eine vergängliche Sache wie die verbotene Liebe ein Hotel so sorgfältig und geschmackvoll einrichteten. Es inspirierte mich – ich schrieb weiter, die eher komplizierte Liebesgeschichte entstand.

Die Geschichte der Großmutter hing noch etwas unverbunden zwischen anderen. Ich vertiefte mich also in die Musik, sah mir eine Ausstellung von Robert Dachs (einem Schallplattensammler) an und las Bücher über Fritz Löhner-Beda, die damals gerade erschienen. Auch hörte ich viele alte Aufnahmen, sammelte frisch digitalisiertes von Paul Abraham, gesungen von Martha Eggert oder Franziska Gaal, deren Stimmen viel zu früh verstummt waren.

In den letzten Jahren hatte ich die Buchmesse auch besucht, um interessante und mutige kleine Verlage ausfindig zu machen. Der Frankfurter Größenwahn Verlag war auch darunter. Welcher konnte schließlich besser zu diesem Buch passen als einer, der selbst aus einem Kaffeehaus, einem Ort der Diskussion und Demokratie, entstanden war?

Das waren so Gedanken in meinem Kopf als ich durch die überladenen Gänge lief. Station machte ich wieder bei dem Verlag Neue Kritik, dessen Reihe apropos über kunstschaffende Frauen mit immer wieder fasziniert, darunter Bücher über Vicky Baum, Marlene Dietrich aber auch Katherine Mansfield. Die wunderbaren Karten mit Dichterzitaten sammle ich schon seit Jahren. Ermutigt durch meinen Roman überlege ich ein biografisches Buch über Anja Lundholm zu schreiben, mit der ich viele Interviews geführt habe und auch Foto-Material besitze.

Sehr schön war die Begegnung mit den Frankfurter Bücherfrauen, von denen ich wohl einige noch aus dem Studium kenne. Diesmal ist Anita Djafari ausgezeichnet worden, bei der ich damals Seminare besuchte. Ganz bestimmt werde ich zu einer der nächsten Veranstaltungen gehen. Gleich neben ihrem Stand war der des Verlags Aviva, der speziell Bücher von vergessenen Schriftstellerinnen aus der Zeit der 20er und 30er neu auflegt. „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit“ von Lili Grün habe ich mir mitgenommen. Beim spannenden Plattenlabel Trikont nahm ich mir frühe Rock’n Roll Aufnahmen mit. In früheren Jahren hatte ich da auch schon über Musik in Berlin und Wien interessante schön aufgemachte Alben gefunden.

Schließlich ein bisschen „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff bei der Zeit in Halle 3.1 – und ein paar Worte von ihm über die Anfänge des Schreibens: „Man schreibt ja aus einem eigenen Ungenügen heraus…“ Das ist sehr wahr finde ich. Eine Frage, die mir mein Verleger Sewastos Sampsounis beim Gespräch gestellt hat, war die nach dem persönlichen Glück. Ich antwortete, dass man immer mal wieder im Leben überprüfen müsse, ob man glücklich sei, ob man das tue, was man eigentlich tun wolle im Leben – und dann müsse man Mut haben und ausprobieren. So etwas Ähnliches hat auch eine Autorenkollegin gesagt, die ein Buch über ihre Reise nach Rußland geschrieben hat: Ellen Lugert mit „Russisch Rückwärts“. Sie zitierte ein russisches Sprichwort, das soviel bedeutet wie: Es wird schon! Das gefällt mir wesentlich besser als das etwas banalisierende Alles wird gut!, das im Deutschen so oft hergenommen wird. Das erstere drückt auch die Zeit aus, die alle guten Dinge brauchen – und die Zuversicht.

Zu guter letzt noch eine kleine Begegnung mit einem Mann aus Wien, der am Stand des Größenwahn Verlags ganz gerührt meiner Lesung folgte – und mein Buch kaufte. Kommen’s nach Wien, sagte er. Ich komme auf jeden Fall nächste Woche, antwortete ich. Meine Frau ist Konzertgeigerin sagte er wieder: Moch‘ mer was! Nun war ich gerührt. Das wird wieder „Eine ungeplante Reise nach Wien

Das Frankfurter Bahnhofsviertel hat mich seit der Kindheit magisch angezogen. Damals redete man nicht offen davon, was sich dort abspielte. Mein Vater arbeitete bei Radio Diehl, Kaiserstraße 5, das ist am Roßmarkt, aber das wussten viele nicht so genau. Mein Opa auch nicht – und so lief er mit mir vom Hauptbahnhof geradewegs durch’s Bahnhofsviertel und traute sich nicht, mich anzuschauen. Er zog mich an der Hand immer weiter, in der Hoffnung, dass ich nicht allzu viel von den bunten Bildern und eindeutigen Angeboten mitbekommen würde. Ich war fünf.

Später mit sechzehn siebzehn machte ich eine Ausbildung am Willy-Brandt-Platz und lief wieder die Kaiserstraße runter. Einfach, weil dort meine Lieblingshäuser standen und eine super Eisdiele (Fontanella).

In den Neunzigern wohnte meine Freundin Doris im letzten Drittel der Münchener Straße und ich liebte das bunte Angebot an Obst und die leichte Zwielichtigkeit in den Toreinfahrten. Doris‘ Sohn jedenfalls wurde von allen Nachbarn geliebt und hin- und heugeschaukelt.

Anfang der zweitausender Jahre sang ich mit dem Chor ein paar mal im Festsaal der Loge zur Einigkeit in der Kaiserstraße – und riskierte einen Blick in hochherrschaftliche Hinterhöfe aus vergangenen Glanzepochen.

Ganz viel später hatte ich einen Agenturjob im Westend (2010) und lief durch Taunus- und Moselstraße. Da fing es an, dass das Bahnhofsviertel ein Quartier wurde, in dem man ausging – also ich meine normale Leute. Ich entdeckte das Plank und futterte mich durch die Münchener, Elbe- und Weserstraße. Beim kleinen Vietnamesen Lam Frères und dem Plank bin ich bis heute hängengeblieben, außerdem bei treue Kundin bei verschiedenen Asia-Läden, der internationalen Buchhandlung, dem Schreibwarengeschäft Fleischhauer und Schuh-Krolla.

In unregelmäßigen Abständen statte ich dem Viertel in der ewigen Mauser einen kleinen Besuch ab, so auch am Mittwoch, als ich am Hauptbahnhof meine Nichte in den richtigen Zug setzte. Während des Wartens hatte ich mir das neue „Frankfurt geht aus“ gekauft und bekam Hunger. Ich schlenderte die Kaiserstraße bahnhofabwärts entlang, betrat zunächst die Internationale Buchhandlung, wo ich nie vorbeigehen kann und entdeckte ein Buch mit dem schönen Titel: Ein Garten über dem Meer. Ist es schön?, fragte ich die freundliche und sehr kompetente Buchhändlerin. Wunderschön, kam prompt die Antwort und ich nahm es mit.

Genau nebenan befindet sich ein neuer Inder, der auch im Restaurantführer erwähnt wurde. Die buntmoderne Aufmachung und das Angebot der Thali-Gerichte zog mich hinein. Außerdem hatte es plötzlich stark zu regnen begonnen.

Ich nahm vorne an den niedrigen Marmortischchen Platz, bestellte mir ein Thali mit Butter Chicken und besah mir die Einrichtung. Ein bisschen Industrie-Style, ein bisschen Orient-Express, das Personal sehr freundlich und das Essen von exquisitem Aussehen und Duft. Ich musste an einen Indien-Aufenthalt vor rund 10 Jahren denken, wo wir auf der Durchreise nach Madurai von unserem Fahrer in eine sehr authentische Garküche geführt wurden. Die Teller waren Bananenblätter und ein Walla lief mit einem Henkelmann rum, gab jedem eine Schippe Reis und verteilte mit einem Schöpflöffel großzügig Currys. In Frankfurt geht das natürlich nicht. Es wurde ein ordentliches Silbertablett mit silbernen Schüsselchen darauf gebracht. Ordentlich waren auch Butterhuhn, Kichererbsen, Gemüsecurry, Raita und Kokosnussreis um ein Häufchen Basmatireis gruppiert. Aber doch sehr anders als bei den üblichen Indern – und sehr lecker.  Auch die handgemachte Mangolimonade und den Espresso kann ich empfehlen.

Als ich fertig war, war es der Regen auch, und ich wanderte die Kaiserstraße weiter entlang, stellte fest, dass Eis-Fontanella eine neue Bleibe auf der anderen Straßenseite gefunden hatte und wagte einen Blick in einen schönen Hofeingang und ins noch leere Orange Peel. Ein cooles Ensemble zwar die ganze Kaiser, aber gleichzeitig sah ich, wie sich hier alles verändert: Ein Kettenrestaurant am anderen, eins schicker als das andere und trendiger und schnelllebiger. Nächstes Jahr schon kann das alles wieder anders aussehen und das Rohe, Baufällige, leicht Schmuddelige, aber auch Authentische und Spannende wird verschwunden sein.

Ich lief zurück, holte Katharina vom Bahnhof ab. Wir nahmen diesmal die Münchener Straße hinunter, weil ich ihr dieses bunte Leben, diesen Kontrast von schick und schäbig, so dicht nebeneinander zeigen wollte. Wir landeten im Schreibwarengeschäft Fleischhauer und probierten Füller von Kaweko. Sie schreiben super weich und wir mussten jede einen mitnehmen. Sie sagte: Für Schreiberinnen ist das wie Lingerie. Ich nickte beipflichtend. Ausgerüstet mit den neuen Füllfederhaltern wanderten wir ins Plank, wo wir uns in den neuen Raum, um den die Cafébar erweitert wurde, zurückzogen.

Hier lässt es sich wunderbar plaudern, schreiben und auf die Münchener Straße hinausschauen – solange sie noch bunt ist.

Der Himmel hängt wolkenschwer wie das Gemüt – so denke ich in diesen letzten Märztagen. Ein Termin verschlug mich auf die andere Seite des Flusses und zwar in die Neuen Kräme. Wie schön wieder einmal hier zu sein, wo ich als Zwanzigjährige meine Mittagspausen verbrachte, dachte ich mir. Ich ließ mich ein wenig treiben und ging über den Liebfrauenberg fast automatisch auf die Kleinmarkthalle zu. Die kam mir bei leichtem Nieselregen gerade recht. Drinnen kann man das Draußen getrost für zwei Stunden vergessen und sich hineinträumen in bunte Märkte aller Länder: Die Obst- und Gemüsestände am Eingang duften nach Rom oder gar nach Saigon, wenn man gerade an einer Stinkfrucht vorbeigeht. In der Mitte, wo die Früchte dann in getrockneter Form neben Rosenblättern sitzen, kann man sich eher in den großen Bazar von Istanbul denken. Allerlei Salsicce und Pecorino-Varianten versetzen nach Neapel. Ich erstehe eine formschöne Artischocke und einen Beutel getrocknete Verbenenblätter. Noch weiter hinten steht wie immer eine kleine Schlange nach Fleischwurst an, obwohl es Montag ist. Ich lasse mich locken und folge den Stufen nach oben. Hier war ich schon sehr lange nicht mehr, jedenfalls kenne ich die kleinen Marktschenken, in denen man Austern, Fisch oder Focaccie bekommt, bisher nur vom Hörensagen. Für Austern möchte ich lieber nochmal mit einem Begleiter herkommen, das ist lustiger und auch romantischer. Aber auf eine Focaccia mit Parmaschinken und Pecorino lasse ich mich ein, danach ein herrlicher Espresso.

Gestärkt gehe ich wieder hinaus, der Regen hat nachgelassen. Also steht einem Schaufensterbummel in der Töngesgasse nichts mehr im Wege. Ich schaue beim Oxfam-Buchladen rein, lasse ein paar Bücher da und bewundere ein paar Häuser weiter die wunderschönen Bürsten und altmodischen Küchenhandtücher im Bürstenhaus an. Wieder nehme ich mir vor, meine Messer das nächste Mal mitzunehmen und bei Dotiert schärfen zu lassen. Bei Samen-Andreas kaufe ich zwei Lilienknollen und Rosenhandschuhe. Auf der anderen Straßenseite gehe ich, wie jedes Mal in den kleinen Japanischen Laden und kann mich nicht sattsehen an Schälchen und Tässchen – allesamt so schön, dass ich mich nie entscheiden kann und ohne ein Stück hinausgehe. Besonders aufgefallen sind mir diesmal die schönen Stoffe mit diesen typischen, regelmäßigen japanischen Mustern in dunkelblau oder dunkelrot, kleine Bogen oder Sterne, die sich aneinanderreihen. Ich wandere noch weiter geradeaus dorthin, wo die Töngesgasse schon Bleidenstraße heißt, hier entdecke ich ein neues Geschäft mit geflochtenen Taschen aus Marrakech und kleinen Kommoden aus Indien. Auf dem Weg zurück lasse ich mich vom Kaffeeduft in die Rösterei Wacker locken, kaufe einen äthiopischen Arabica und schlendere hinüber zu 2001, ein bisschen bei den Klassik-CDs stöbern. Ja, ich kaufe immer noch CDs – manchmal. Nebenan beim Kartenfachgeschäft erwerbe ich ein Merianheft über Venedig.

Damit begebe ich mich dann zurück ins Mozart. Es nieselt auch schon wieder. Beim Vorübergehen an der Tortentheke entdecke ich die köstliche Johannisbeer-Baiser-Torte. Die muss es jetzt sein. So wie immer, nur das ist schon wieder so ungefähr 5 Jahre her. Gegenüber ist eine Baustelle, ein ganz neues Haus wird da hochgezogen. Früher wohnte dort meine Freundin Doris, das ist, oh je, viel viel länger her.

Es gibt viele Orte, an denen ich gerne sein möchte, in diesem Nicht-Frühling, aber auch viele, wo ich nicht sein möchte, in diesen Zeiten, denke ich. Die Töngesgasse ist gar kein so schlechter Ort.

ingrid.walter@walter-wortware.de
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